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28. März 2009

THOMAS HERRMANN, CEO DER ENTIRETEC, WIRD UNTERNEHMER DES JAHRES 2009

Artikel von Michael Rothe, Sächsische Zeitung

Thomas Herrmann baute sich mit zwölf seinen ersten Computer. Heute vernetzt der Dresdner mit seiner Firma ENTIRETEC Menschen und Unternehmen weltweit. Gäbe es einen Preis für Tiefstapelei, Thomas Herrmann wäre heißer Aspirant.

Wenn der 35-jährige Chef und Inhaber des Dresdner IT-Dienstleisters ENTIRETEC von hochkarätigen Vertragsabschlüssen in Malaysia oder Dubai erzählt, klingt das, als habe er gerade einen Lieferanten im firmeneigenen Squashkeller besiegt. Dem Zuhörer bleibt der Mund offen, wenn er hört, dass der Dresdner mit zwölf Jahren seinen ersten eigenen Computer gebaut hat – drei Jahre bevor sich Erich Honecker des 1-Megabit-Speicherschaltkreises „Made in GDR“ rühmen konnte. Für Herrmann ist es das Normalste von der Welt. Auch, dass er mit 14 sechs Programmiersprachen konnte – neben Englisch, Russisch und Sächsisch. „Ich bin in den 80ern mit dem ganzen Computerkrempel groß geworden“, sagt er. Seine Eltern, beide Lehrer, hätten ihn dreimal pro Woche ins Schülerrechenzentrum von Robotron geschickt. Die Folge: „Während der Ausbildung nach der Wende in Dresden und Paderborn war ich hoffnungslos unterfordert.“ Keine Spur von Arroganz. Keine Zweifel. Ein Schmunzeln huscht über Herrmanns Gesicht, und man meint, den Jungen von einst vor sich zu haben. „Manchmal freue ich mich über meine Blauäugigkeit, auf eine Wand loszustürmen“, sagt er. Vielleicht hat gerade diese Unbekümmertheit die Karriere zum Chef einer weltweit agierenden Aktiengesellschaft ermöglicht.

Unter seiner Führung bietet ENTIRETEC universelle, hochsichere Kommunikationslösungen und virtuelle Dienstleistungen an (Kasten). Wie? „Das müssen Sie nicht wissen, Hauptsache es funktioniert“, wirbt die Firma im Internet. Herrmann sagt: „Wir machen die Logik, Kabel machen andere.“ Und: „Firmen suchen uns, wenn Siemens und Telekom nicht mehr weiterwissen.“ Mit dieser „Besserwisserei“ erwirtschafteten 60 Beschäftigte zuletzt acht Millionen Euro Jahresumsatz. Zwölf bis 15Millionen sollen es dieses Jahr sein. Das nächste Ziel sind 100 Mitarbeiter, „vielleicht irgendwann mal 200“. Zum Minikonzern gehören vier Firmen in Dresden, der Schweiz, in Dubai und Malaysia. Dort entsteht in Kuala Lumpur das nächste Rechenzentrum, ein weiteres in New York. Die Devise: Lokale Kontakte und Netze – sonst geht nichts. Siehe Dubai. „Das klang anfangs wie Klondike“, sagt Herrmann. Ein Trugschluss. Fast zwei Jahre habe es gebraucht, um bei den Scheichs Fuß zu fassen.

ENTIRETECs Kundschaft reicht von Hotelketten über Ministerien bis zu Krankenhäusern, vom Mittelständler bis zum Weltkonzern – branchenübergreifend. Darum ist das Unternehmen auch nicht so anfällig in der Krise. „Wir sind nicht in einem Verdrängungsmarkt, sondern schaffen unsere Märkte selbst. Solange wir global denken wie ein Konzern und arbeiten wie ein Start-up, kann uns nichts passieren“, erklärt der Chef. Große Zusammenhänge auf den Punkt bringen,das schaffen nicht viele. Herrmann verschickt nebenbei noch eine SMS. Ist er selbst noch zu beeindrucken? Wirtschaftliche Errungenschaften seien nachvoll-ziehbar, da habe er keinen Respekt, so Herrmann. „Wohl aber vor jemandem, der ein Instrument spielen kann.“

Trotz des atemberaubenden Erfolgs vergisst der Sachse nicht, wo er herkommt. Der Start als Firmenchef begann mit 25000 Euro, die er sich von Freunden zusammen-geborgt hatte. Er erinnert sich noch an den ersten Auftrag: „Da habe ich 2003 für 21,20 Euro zwei Kabel an einen Kunden geliefert.“ Die ersten drei Jahre gab’s weder Darlehen noch Kontokorrentlinien. Abnehmer wie BASF und Zeiss hatten Vertrauen, zahlten ein Jahr im Voraus.

Vertrauen hatten auch jene abgewickelten Robotroner, die 2003 beim Ex-Kollegen den Neuanfang wagten. Der Chef ist stolz auf sein „unglaublich fleißiges und engagiertes Team“. Die Hälfte arbeitet in Dresden. Dort, im vier Millionen Euro teuren Neubau, schlägt das Herz von ENTIRETEC. Der Dreigeschosser im Bauhaus-Stil mit Aussicht auf Stadt und Sächsische Schweiz entpuppt sich hinter den Kulissen als Hightech-Wunder – und aus der Luft als Werbegag: Sein Grundriss entspricht dem Firmenlogo. „Das Haus ist Referenzobjekt für das, was wir können“, sagt Herrmann. Per Mausklick könne er Jalousien, Computer, Dieselaggregat steuern. Alles verrät er nicht. „Hier gibt’s nur Strom und Netzwerk.“ Und schlaue Sprüche: „Mit uns werden Sie sich gern an Ihre Zukunft erinnern“, lautet der Firmenclaim.

Herrmann ist das, was man einen „Typen“ nennt: cool, sympathisch, bodenständig. Als „Tiefstapler“ spielt er Squash statt des standesüblichen Golfs und wünscht sich irgendwann ein Segelboot – „keine Yacht, ein Katamaran reicht“. Er ist stolz auf das, was er geschaffen hat, und stellt sein Licht gern unter den Scheffel. Der selbsternannte „leidenschaftliche Spinner“, der auch mal Jeans und Nadelstreifen-Jackett kombiniert, braucht kein Denkmal: „Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen, bin gern Teil eines Erfolgsprojekts.“ Die Auslandstöchter werden via Bildschirm von Dresden aus gesteuert. Der Unruhegeist muss also nicht abwandern. „Der Neubau ist ein Statement für den Standort.“ Und der profitiert vom Auslandsgeschäft. Herrmann liebt die Unabhängigkeit. Dafür würde er selbst auf Großprojekte verzichten. Eine Ehe mit einer großen Adresse ist kein Thema. Gesellschaftliches Engagement schon, denn „irgendwas wird immer gesponsert“: Kitas, Schulen, Sportvereine, der Verein Stoffwechsel, der sich um Problemkinder kümmert, zählt der dreifache Vater auf.

Herrmann plagt trotz des Erfolgs eine Sorge: Er, dem bei Präsentationen schon mal John Chambers, Chef des US-Netzwerkausrüsters Cisco, lauscht, sieht ENTIRETEC daheim unterbelichtet. Ein Luxusproblem. „Einmal auf Seite 3 in der SZ, das wär’s“, sagt er. Der Wunsch geht heute in Erfüllung, denn Thomas Herrmann ist Sachsens „Unternehmer des Jahres“. Und das ist mehr als ein Preis für Tiefstapler.

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